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Soziale Arbeit

Wenn Integration vermessen werden soll

Wie lässt sich nachweisen, ob geflüchtete Menschen sozial integriert sind? Die ZHAW hat diese Frage im Auftrag des Bundes untersucht und plädiert dafür, Betroffene als Expert:innen zu Wort kommen zu lassen.

Von Claudia Peter

Irgendwann wechsle es, dann lebe man eher, als dass man bloss überlebe, und man werde Teil der Gesellschaft: So beschreiben geflüchtete Menschen den Prozess der sozialen Integration. Doch gibt es Fixpunkte, ab wann jemand sozial integriert ist? Und wie misst man sie? 

Die Integrationsagenda Schweiz ist ein Programm von Bund und Kantonen mit verbindlichen Wirkungszielen. Ein Monitoring misst jährlich den Grad der Zielerreichung. Im Förderbereich «Zusammenleben», der auf die soziale Integration von geflüchteten Personen fokussiert, ist es aber bisher nicht gelungen, Indikatoren zu bestimmen, welche die Anforderungen an das Monitoring erfüllen. 

Ethisch heikles Terrain

Das führt dazu, dass Institutionen und Organisationen, die soziale Integration fördern wollten, nicht an Fördergelder kommen, weil sie kaum nachweisen können, ob ihre Massnahmen erfolgreich sind. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) beauftragte deshalb die ZHAW Soziale Arbeit mit der Entwicklung eines Erhebungskonzepts für das Monitoring im Förderbereich Zusammenleben. «Dass die Politik wissen will, ob ausgegebenes Geld wirkt, ist demokratisch legitim und nötig», sagt Eva Mey, Professorin am Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe und Co-Projektleiterin.  

Auch könne man mit einem Monitoring jene Gemeinden und Kantone in die Pflicht nehmen, die noch nicht tätig wurden. Dennoch: «Will man soziale Integration messen, begibt man sich schnell einmal auf ethisch heikles Terrain.» Man denke nur an Fragen zur sozialen Integration, in denen es um Beziehungen, persönliche Vorlieben oder Charakterzüge gehe. «Das sind alles Dinge, die den Staat eigentlich nichts angehen und über die man andere Bevölkerungsgruppen auch nicht systematisch ausfragt», betont Mey. 

Innovativer Ansatz

Ausserdem komme man mit dem blossen Zählen gesellschaftlicher Interaktionen nicht weit, dies allein schon deshalb, weil die Qualität von Beziehungen für die soziale Integration oft entscheidender sei als die Quantität. Dazu kommen komplexe Prozesse mit vielen Faktoren und Rahmenbedingungen. Ein Faktor ist der Wohnort. «Wer in einer Grossstadt wie Zürich oder Basel wohnt, hat ein grösseres Angebot, sozial teilhaben zu können», so die Forscherin. «Wer hingegen in einem abgelegenen Tal wohnt, ist in den Möglichkeiten stark eingeschränkt.» 

In der Integrationsagenda ging man bisher von einer sehr engen Definition sozialer Integration aus. «Sie spiegelte die alte Vorstellung wider, wonach sich Zugewanderte zu assimilieren hätten», erklärt Eva Mey. Man frage dann etwa, wie gut jemand schweizerische Gewohnheiten kenne oder mit wie vielen Einheimischen man in Kontakt sei. «Das ist natürlich Unsinn, nicht zuletzt deshalb, weil 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben, ein stereotypes Bild von der Schweizerin oder dem Schweizer also überholt ist.»

Erfahrungswissen einbeziehen

Ausserdem, so Mey weiter, zeige die Forschung deutlich, dass das Eingebettetsein in eine Gemeinschaft aus demselben Herkunftskontext wichtig sein kann für die psychische Gesundheit und ein sich Einlassen im Migrationsland erst ermöglicht. Diese Vorbehalte im Blick behaltend: Wie lässt sich messen, wie gut die soziale Integration funktioniert?  

Der Auftrag des Staatssekretariats für Migration (SEM) wurde vom Projektteam in zwei Schritten umgesetzt. Im ersten Schritt führte das Team qualitative Interviews und Analysen durch, um Schlüsselkriterien für das Monitoring zu bestimmen. Im zweiten Schritt wurde das Erhebungskonzept ausgearbeitet. Die Umsetzung des Auftrags erfolgte in Zusammenarbeit mit Fachpersonen aus Verwaltung und Zivilgesellschaft. Ebenso bezog das Team das Erfahrungswissen von Personen mit Fluchthintergrund mittels Workshops ein.

Von «Teilhabe» sprechen statt von «Integration»

Das ist ein Novum, sagt Mey: «Hinsichtlich sozialer Integration und generell bei der Ausarbeitung der Integrationsagenda wurde nie mit den geflüchteten Personen selbst gesprochen – trotz Konsens, dass Integration ein wechselseitiger Prozess ist.» 

Ein einfaches Monitoringinstrument mit ein, zwei Indikatoren konnte das Team um Mey dem SEM nicht in die Hand geben: «Das hat noch niemand geschafft, deshalb war auch das SEM von Beginn weg ergebnisoffen eingestellt.» 

Für das Forschungsteam war klar, dass es zunächst klären musste, was soziale Integration überhaupt alles umfasst. Dieser breite Zugang führte zu Erleichterung bei Fachpersonen in der Praxis, etwa bei kantonalen und kommunalen Integrationsdelegierten oder Beratungsstellen. «Der Grundtenor der vielen Rückmeldungen lautete: ‹Gut, dass man endlich aufhören kann so zu tun, als ob soziale Integration ganz einfach messbar sei.›»  

Die ZHAW schlug dem SEM stattdessen zwei Erhebungskonzepte vor, was man messen könnte und wie. Das begann damit, dass das Projektteam statt den Begriff ‹soziale Integration› zu verwenden, von ‹gesellschaftlicher Teilhabe› sprach und deren Aspekte in neun Gruppen fasste. Dazu gehören Bereiche wie die Wohnsituation, Erfahrungen im Kontakt mit staatlichen Behörden, politische Partizipation und die Lebenszufriedenheit. 

Geflüchtete als Expert:innen

Innovativ ist der Ansatz, die Wahrnehmung der geflüchteten Person ins Zentrum zu stellen. «Also weniger: ‹Wie häufig nutzt Person XY ein Angebot?›, als vielmehr: ‹Welche Bedingungen findet sie dazu vor und wie nimmt sie selbst das Angebot wahr?›», erklärt Eva Mey. Der erste Ansatz sieht eine standardisierte Befragung von Geflüchteten mit Fragebogen vor. Die Fragen sollen alle neun Aspekte der gesellschaftlichen Teilhabe abdecken, die das ZHAW-Team erarbeitete, und dabei auch vom subjektiven Empfinden ausgehen. Besonders vulnerable oder schwer erreichbare Personen würde man mündlich und in ihrer gewohnten Umgebung befragen. 

Geflüchtete als Expert:innen Das andere Erhebungskonzept ist qualitativer Natur. Hierzu schlägt das Forschungsteam vor, in allen Regionen der Schweiz Fokusgruppen zu bilden und diese anhand eines Fragenkatalogs diskutieren zu lassen, wie die gesellschaftliche Teilhabe in ihrer Region gelingt und wo Entwicklungsbedarf besteht. 

Auf Augenhöhe

Pro Region gäbe es drei Gruppen: eine mit Behördenmitgliedern, eine mit Akteur:innen der Zivilgesellschaft wie Aktivist: innen oder Mitgliedern lokaler Vereine, und eine dritte mit geflüchteten Personen. Das Besondere dieses Ansatzes: Geflüchtete werden als Expert:innen wahrgenommen. Das heisst, sie sollen nicht nur ihr Erleben als Betroffene mitteilen, sondern auch Überlegungen zu Hintergründen für den Ist-Zustand, und an möglichen Verbesserungen mitdenken. «Damit begegnet man den geflüchteten Personen auf Augenhöhe, nimmt sie als Partner wahr», sagt Mey. «Partizipation ist das Gebot der Stunde.»  

Dass die Studie jetzt in Auftrag gegeben wurde, habe vor allem administrative Gründe, sagt Mey. Dass man das Thema «Messbarkeit der sozialen Integration» angehen muss, wusste man seit Langem. Den Fokus auf soziale Integration hält Mey im aktuellen politischen Klima für besonders wichtig: «Geflüchtete Menschen werden vor allem hinsichtlich ihrer Arbeitskraft betrachtet. Doch primär sind sie Menschen, die Schutz brauchen», betont Mey. «Gesellschaftliches Zusammenleben kann nicht funktionieren, wenn Menschen auf ihren wirtschaftlichen Wert für die Gesellschaft reduziert werden und ihre Unterstützung und Anerkennung alleine von ihrer Arbeitskraft abhängen.» Oder wie es eine der von Mey interviewten geflüchteten Personen gesagt hat: «Integration, das ist die Wahrnehmung in der Gesellschaft als gleichberechtigte Person.»